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Spartakist Nummer 212

Frühjahr 2016

Erinnerung an einen Sowjetspion

Marcus Klingberg (1918–2015)

Folgender Artikel ist übersetzt aus Workers Vanguard Nr. 1082, 29. Januar, Zeitung unserer Genossen der Spartacist League/U.S.

Am 30. November starb in Paris der mutige Sowjetspion und anerkannte Epidemiologe Marcus Klingberg im Alter von 97 Jahren. Klingberg, ein polnischer Jude, der viele Jahre lang als hochrangiger Wissenschaftler in Israel tätig war, gab wichtige Informationen über das Arsenal des israelischen Staates an tödlichen chemischen und biologischen Waffen an die Sowjetunion weiter. Er lieferte diese Informationen aus tiefer Loyalität gegenüber der Sowjetunion, weil sie ihm die Möglichkeit gegeben hatte, gegen die Nazis zu kämpfen, die während des Zweiten Weltkriegs seine gesamte Familie ausgelöscht hatten. Die israelische Regierung, die Klingberg als den „schädlichsten Spion in der Geschichte Israels“ betrachtete, führte 1983 einen Geheimprozess gegen ihn und warf ihn ins Gefängnis. Dort wurde er fast 16 Jahre lang festgehalten.

Die Nachrufe auf Klingberg in der bürgerlichen Presse zeichnen das Bild eines kalten, berechnenden Spions, der einem Tom-Clancy-Roman entstiegen sein könnte. Doch in seinen Memoiren, Hameragel ha’acharon (Der letzte Spion), die 2007 auf Hebräisch erschienen, kommt Klingbergs wahrer Charakter zum Ausdruck – ein Mann, den wir für seine Dienste an der Menschheit ehren:

„Ich … sage, dass ich immer noch an den Kommunismus glaube: Vermutlich wird es nicht mehr geschehen, so lange ich noch am Leben bin, aber in 10, 20 oder 50 Jahren – da bin ich fast sicher – werden die Menschen zum Sozialismus zurückkehren. Es wird dann geschehen, wenn das Volk vom ungebändigten Kapitalismus enttäuscht sein wird, der überall danach trachtet, die Rechte der Arbeiter zu vernichten… Der Sozialismus wird letztlich siegen!“

Abraham Mordechai Klingberg, bekannt als Marcus oder Marek, wurde im Oktober 1918 in Warschau, Polen, als Sohn einer orthodoxen jüdischen Familie geboren. Er studierte an der Universität von Warschau Medizin und wurde am Vorabend des Zweiten Weltkriegs antifaschistischer Aktivist. Damals lernte er auch zum ersten Mal marxistische Ideen kennen. Nach dem Nazi-Überfall auf Polen im September 1939 beherzigte er das, worauf sein Vater ausdrücklich bestanden hatte: „Wenigstens einer muss am Leben bleiben“, und floh nach Minsk in die Weißrussische Sowjetrepublik (jetzt Belarus), wo er sein Studium vollenden konnte. Wie Klingberg in seinen Memoiren schreibt, kam sein Vater zu der Überzeugung, ihn zur Ausreise zu drängen, nachdem ihn ein deutschen Offizier in einem Gespräch gewarnt hatte, dass alle Juden in Polen vernichtet werden sollten.

Am 22. Juni 1941, dem Tag, als Deutschland die UdSSR überfiel, meldete sich Klingberg freiwillig zur sowjetischen Roten Armee, um gegen die Faschisten zu kämpfen. Als Konflikt zwischen imperialistischen Mächten – in erster Linie den USA und Britannien gegen Deutschland und Japan – war der Zweite Weltkrieg auf beiden Seiten ein reaktionärer Kampf um die Eroberung von neuen Ausbeutungsgebieten und zur Verteidigung der bisherigen. In diesem interimperialistischen Konflikt hatten die Arbeiter nichts zu gewinnen. Doch es war die Pflicht des internationalen Proletariats, die UdSSR – die Heimat der Russischen Revolution – gegen imperialistische Angriffe zu verteidigen. Die Sowjetunion, damals ein degenerierter Arbeiterstaat, trug bei weitem die Hauptlast im Kampf gegen Hitler-Deutschland, und es war die Rote Armee, die das Nazi-Regime besiegte, wobei auf sowjetischer Seite 27 Millionen Menschen ihr Leben ließen.

Die militärische Macht der Sowjetunion war, selbst unter der Herrschaft einer stalinistischen Bürokratie, ein Beweis für die Leistungsfähigkeit einer kollektiven Planwirtschaft, die es in kürzester Zeit schaffte, dass sich Russland aus einem zurückgebliebenen Bauernland zu einem industriellen und militärischen Kraftzentrum entwickelte. In der bolschewistischen Revolution vom Oktober 1917 eroberte erstmals in der Geschichte die Arbeiterklasse die Macht und behauptete sie. Die Errichtung des sowjetischen Arbeiterstaates, verbunden mit der internationalen Ausweitung der Revolution, bot die Perspektive der Entwicklung zu einer sozialistischen Gesellschaft von wirklicher Gleichheit und Überfluss für alle. Doch durch das Scheitern revolutionärer Gelegenheiten, vor allem in Deutschland, blieb der sowjetische Arbeiterstaat isoliert. Unter Bedingungen materiellen Mangels, der durch militärisches Eingreifen der Imperialisten und den Bürgerkrieg verschärft wurde, hatte in der Sowjetunion seit 1923/24 eine konservative Bürokratenkaste um Stalin die politische Macht an sich gerissen. Im Namen des „Aufbaus des Sozialismus in einem Land“ und des Strebens nach „friedlicher Koexistenz“ mit dem Imperialismus sagte sich die stalinistische Bürokratie von dem Kampf für die internationale Arbeiterrevolution los. Die Errungenschaften der Revolution von 1917 wurden durch die stalinistische Herrschaft in Gefahr und schließlich 1991/92 durch eine kapitalistische Konterrevolution zu Fall gebracht, eine katastrophale Niederlage für die Arbeiterklasse weltweit.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Klingberg als Militärarzt an der Front, bis er durch einen Granatsplitter am Bein verwundet wurde. Nach seiner Verwundung diente er weiterhin in der Roten Armee und leitete eine Einheit zur Seuchenbekämpfung in Molotow (jetzt Perm) in der Nähe des Uralgebirges. Eine seiner vielen Leistungen war die Eindämmung eines Typhusausbruchs, der zahllose sowjetische Soldaten hätte infizieren können; er stieg bis zum Kriegsende in den Rang eines Hauptmanns auf. Als Klingberg 1944 nach Polen zurückkehrte, erfuhr er, dass seine Eltern und sein einziger Bruder im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden waren.

Klingberg vergaß nie, was er der Sowjetunion schuldete, einem Land, das es ihm ermöglicht hatte, nicht nur zu überleben, sondern auch ein Wissenschaftler von Weltrang zu werden. In seinen Memoiren schreibt Klingberg: „Als ich in der Sowjetunion ankam, war ich ein mittelloser polnisch-jüdischer Flüchtling, der sein Medizinstudium noch nicht abgeschlossen hatte. Als ich sie im Dezember 1944 verließ, war ich Chefepidemiologe und Leiter der Abteilung für Epidemiologie in Weißrussland … und ein eingeschworener Kommunist.“

1948 emigrierte Klingberg mit seiner Tochter und seiner Frau Wanda, einer Überlebenden des Warschauer Gettos und wissenschaftlichen Kollegin, nach Israel. Jahrelang verkehrte er trotz seiner linken und offen prosowjetischen Ansichten problemlos in intellektuellen und politischen Kreisen der zionistischen Elite. Aus seinen Memoiren wird deutlich, dass Klingberg der Behandlung der Palästinenser und anderer Araber durch die zionistische Regierung stets sehr kritisch gegenüberstand.

Klingberg erklomm rasch die Leiter des medizinischen Establishments in Israel und wurde später stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des streng geheimen Israelischen Instituts für Biologische Forschung (IIBR) in Nes Ziona, wo über chemische und biologische Waffen geforscht wurde. Das IIBR hatte ein Arsenal von mindestens 43 Arten unkonventioneller Waffen, von Viren bis hin zu Pilzgift. Diese hätten zweifellos gegen arabische Nachbarstaaten und gegen die Palästinenser in den besetzten Gebieten eingesetzt werden können. Klingberg war auch davon überzeugt, dass die Zionisten diese Informationen mit imperialistischen Mächten wie den USA und Britannien teilten.

Klingberg erhielt für seine Verdienste bei der Beschaffung von Informationen über experimentelle Waffenforschung von den Sowjets den Orden des Roten Banners der Arbeit, die zweithöchste Auszeichnung der Sowjetunion. Im Vorwort zu seinen Memoiren sagt Klingberg: „Ich hatte nichts mit den Atomgeheimnissen zu tun, aber ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass die Informationen, die ich der Sowjetunion aushändigte, die Anwendung bestimmter Waffen durch die USA während des Kalten Krieges verhinderte[n].“

Klingberg war nicht der einzige, der Israels Todesarsenal entlarvte. Seine Gefängniszelle war direkt neben der des israelischen Atomtechnikers Mordechai Vanunu. 1986 hatte Vanunu aufgedeckt, dass die zionistischen Herrscher genug Atomwaffen und Trägersysteme fertiggestellt hatten, um nicht nur jede arabische Hauptstadt einzuäschern, sondern auch wichtige Städte in der Sowjetunion zu bombardieren. Vanunu wurde schließlich 2004 aus dem Gefängnis entlassen. Doch er darf Israel immer noch nicht verlassen, wo er unter strenger Überwachung steht. Erst im vergangenen Jahr wurde er verhaftet und unter Hausarrest gestellt, nur weil er ein Fernsehinterview gegeben hatte. Wir verteidigen Mordechai Vanunu weiterhin und fordern Israel auf, ihn sofort ausreisen zu lassen!

Zwar hatten die Israelis Klingberg seit Jahren in Verdacht, ein Spion zu sein, ergriffen jedoch erst Anfang der 1980er-Jahre Maßnahmen gegen ihn, als die CIA den Hinweis eines sowjetischen Überläufers an Shin Bet (israelische Geheimpolizei) weitergab. Zu jener Zeit verschaffte sich Klingberg gerade ziemlich viel Gehör mit seinen Untersuchungen, durch die er die Behauptungen der USA widerlegte, Laos und Vietnam hätten eine von der Sowjetunion gelieferte biologische Waffe gegen konterrevolutionäre Kräfte eingesetzt. Klingberg hatte korrekterweise die Schlussfolgerung gezogen, dass der so genannte „gelbe Regen“ tatsächlich nichts anderes war als in der Natur vorkommender Bienenkot.

Am 19. Januar 1983 entführte Shin Bet Klingberg und vernahm ihn tagelang. Um sein Verschwinden zu erklären, brachte die israelische Regierung Gerüchte in Umlauf, Klingberg habe eine Nervenheilanstalt in der Schweiz aufgesucht oder womöglich Frau und Tochter verlassen und sei in die Sowjetunion geflohen. Nach seiner Verhaftung wurde Klingberg vor einem Militärgericht ein Geheimprozess gemacht und er wurde wegen Spionage zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Klingbergs Gefängniswärter gaben ihm einen falschen Namen, und er verbrachte zehn Jahre in Einzelhaft. Während seiner Gefängnishaft erlitt er mehrere Schlaganfälle und litt unter etlichen weiteren Krankheiten. Wanda Klingberg, die ebenfalls für die Sowjetunion Spionage betrieben hatte, aber einer Verhaftung entgangen war, erlebte die Entlassung ihres Ehemanns nicht mehr.

Nach fast 16 Jahren im Gefängnis wurde Marcus Klingberg entlassen und stand in Israel unter Hausarrest, bis er dann endlich 2003 das Land verlassen konnte. Unter der Bedingung, nie über seine Arbeit in Nes Ziona zu sprechen, durfte er nach Paris auswandern, um bei seiner Familie zu sein.

In einer Besprechung von Klingbergs Memoiren war der Haaretz-Journalist Yossi Melman empört darüber, dass Klingberg „nicht die geringste Reue für seine Taten“ äußert.

Damit hat Klingberg völlig Recht! In einem Artikel aus dem Jahr 2010 bekräftigte er, dass er es niemals bereut habe, der Sowjetunion Geheiminformationen über Waffen geliefert zu haben: „Meine Gefühle dazu haben sich nicht geändert trotz des Untergangs der Sowjetunion – eines Landes, dem ich nicht nur mein Leben verdanke sowie meine Karriere in Epidemiologie und meine nützlichste Tätigkeit, sondern vor allem die Möglichkeit, gegen den Faschismus zu kämpfen.“

 

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